Predigt zu Offenbarung 5, 1-5 von Hans-Georg Ahl
24.11.2011, 08:56Predigt Offb 5, 1-5
1 Jetzt sah ich, dass der, der auf dem Thron saß, in seiner rechten Hand eine Buchrolle hielt. Sie war innen und außen beschrieben und war mit sieben Siegeln versiegelt. 2 Und ich sah einen mächtigen Engel, der mit lauter Stimme rief: »Wer ist würdig, das Buch zu öffnen? ´Wer hat das Recht,` seine Siegel aufzubrechen?« 3 Aber da war niemand, weder im Himmel noch auf der Erde, noch unter der Erde, der das Buch öffnen konnte, um zu sehen, was darin stand; 4 keiner war zu finden, der würdig gewesen wäre, die Buchrolle aufzumachen und etwas von ihrem Inhalt zu erfahren. Darüber weinte ich sehr. 5 Doch einer der Ältesten sagte zu mir: »Weine nicht! Einer hat den Sieg errungen – der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross, der aus dem Wurzelstock Davids hervorwuchs1. ´Er ist würdig,` das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen.«
Liebe Gemeinde,
mit diesem Predigttext werden wir Zeuge einer total spannenden Szene. Der Seher Johannes wird Zeuge dieser Szene und zwar nicht in Form eines distanzierten Betrachters sondern sozusagen mit einer 3 D Brille auf der Nase. Und diese erste Szene aus Offb 5 wird deutlich von 3 Auffälligkeiten dominiert:
- Der ferne Gott
Dass Gott wirklich fern und unnahbar ist, ist ein schwieriger Gedanke. Vielleicht haben wir uns einfach zu gut an den „lieben Gott“ gewöhnt, den zahnlosen Opa der nur noch Werthers Echte verteilt und dessen Botschaft im Wesentlichen ist: ist doch alles halb so wild. Die Menschen des Mittelalters hatten noch ein ganz anderes Bild von Gott und richtig Angst davor, ihm in die Hände zu fallen. Nur so war es eben denkbar, dass Typen wie Luthers Intimfeind Tetzel als Ablassprediger einen guten Schnitt machen konnte. Und auch Luther selber kam ja erst nach heftigen inneren und äußeren Kämpfen nach dem Studium des Römerbriefs auf die richtige Spur des gnädigen Gottes. Die hier beschriebene Szene erinnert an die Berufung des Propheten Hesekiel. Dort enthält die von innen und außen beschriebene Schriftrolle „Weh und Ach“ und Hesekiel soll sie essen. Hier liegt aber der Schwerpunkt auf dem Gedanken, dass sie versiegelt ist. Die Verbform. In der das da steht macht deutlich: von Ewigkeit her versiegelt, abgeschlossene Handlung in der Vergangenheit. Gottes Wille steht von Ewigkeit her fest.
Das sind in der Tat schwierige Fragen die damit verknüpft sind: Wenn Gottes Wille von Ewigkeit her festliegt, wo bleibt dann der freie Mensch? Mich hat neulich jemand gefragt: Wenn Gott doch alles weiß, hat der Mensch ja keine Entscheidung mehr. Zum Menschen komme ich gleich im 2. Punkt noch ausführlicher. Jetzt nur so viel: Mir kommen beim Lesen des NT überhaupt keine Zweifel, dass es sich um echte Begegnungen Jesu mit Menschen handelt, dass der so genannte reiche Jüngling sich wirklich entscheiden kann, ob er Jesus nachfolgt oder nicht. Und dass Jesus wirklich traurig ist, dass er sich falsch entschieden hat. Wir kommen bei diesen Fragen mit einem philosophischen Gottesbild in Schwierigkeiten, dass sich Gott als eine Art Supermenschen vorstellt. Wir wissen nicht alles, Gott ist allwissend. Wir können nicht alles, Gott ist allmächtig usw.
In unserem Text sitzt Gott auf dem Thron und hat das versiegelte Buch in seiner Hand und meint es durchaus ernst, als er den mächtigen Engel laut die Frage stellen lässt: Wer ist würdig, diese Siegel zu lösen?
- Der unwürdige Mensch
Die erste Antwort auf die Frage, wer würdig ist, die Siegel zu lösen lautet schlicht und ergreifend: niemand. Das kommt für den Leser der Offenbarung nicht überraschend, denn Kapitel 4 schließt mit der Aussage, dass Gott allein würdig ist, als König und Herr angesprochen und angebetet zu werden. Dabei müssen wir uns klar machen, dass der zur Zeit der Entstehung dieses Buches regierende Kaiser Domitian selber diese Ehre für sich forderte. Und das zieht sich durch die ganze Offenbarung: Ehre, wem Ehre gebührt und Anbetung, wem Anbetung gebührt. Und in der Spannung stehen wir als Christen und Staatsbürger: die Obrigkeit nach Römer 13 als von Gott eingesetzt und gegeben anzuerkennen, aber auf der anderen Seite wahrzunehmen, dass sie nach Offb 13 zum Tier aus dem Abgrund werden kann, wenn sie sich an die Stelle Gottes setzt und über den göttlichen Willen hinwegsetzt. Wer wüsste um diesen Abgrund besser Bescheid als wir Deutsche mit unserer Nazi-Vergangenheit. Dem Seher Johannes geht es nicht nur dank seiner 3 D Brille so nahe, dass keiner würdigt ist, dass er darüber sehr weinen muss. Ihm ist einfach das Ausmaß unserer menschlichen Unwürdigkeit klar.
Denn dem bei uns weitläufig weit verbreiteten Bild vom harmlosen Gott entspricht natürlich auch die Verharmlosung der menschlichen Sünde. Frei nach dem Karnevalsschlager „Wir sind alle kliene Sünderlein“ denken wir eben: ist ja alles halb so wild und gebrauchen das Wort Sünde eben auch genauso inflationär, wenn wir das Stück Sahnetorte so bezeichnen. Die hier beschriebene Szene offenbart ganz drastisch, wie weit wir von Gott entfernt sind, wie groß die Kluft zwischen ihm und uns ist. Wir haben natürlich mit dem Begriff „Erbsünde“ so unsere Schwierigkeiten. „Wie kann so ein süßes kleines Baby denn als Sünder bezeichnet werden. Die Frage stellt sich natürlich den Eltern nach den ersten schlaflosen Nächten nicht mehr so drastisch aber mal ernst: Ich habe den Heidelberger Katechismus gelernt und in dem lautet die beliebteste weil kürzeste Frage: Woher erkennst du dein Elend? Antwort: Aus dem Gesetz Gottes. Dann wird erklärt, dass dieses Gesetz von uns fordert Gott und unseren nächsten von Herzen und mit allen Kräften zu lieben und dass wir von Natur aus dazu nicht fähig sind. Und in Frage 8 heißt es dann: Sind wir denn so verdorben, dass wir ganz und gar untüchtig sind zu irgendeinem Guten und geneigt zu allem Bösen? Die Antwort lautet: ja, wenn wir nicht durch den Geist Gottes wiedergeboren werden. Und deshalb handelt dann der 2. Der Hauptteil des Heidelberger Katechismus von der Erlösung des Menschen durch Jesus Christus und dazu kommen wir auch gleich in Punkt 3. Vorher möchte ich noch kurz mit ihnen über die Frage nachdenken, die gerade vielleicht der eine oder der andere Zuhörer hatte: es gibt doch auch gute Menschen, die keine Christen sind. Oder wenigstens gute Taten einzelner Menschen. Ja die gibt es, aber sie sind die Ausnahme und der berühmte Theologe Karl Barth kommt an dieser Stelle mit seiner Lichterlehre um die Ecke: Gott lässt sein Licht auch manchmal an völlig unerwarteten Stellen aufleuchten um auch seine Gemeinde zu guten Taten seines Lichts zu reizen.
- Der Löwe aus dem Stamm Juda
Gott sei Dank: ein er ist würdig. Gott sei Dank: wir haben den ersten Advent, Denn natürlich wissen wir sofort, wer mit diesem Löwen aus dem Stamm Juda gemeint ist. Juda ist ein junger Löwe, so hatte es Jakob beim Abschied und Segnen seiner Söhne gesagt. Der Löwe ist ein starkes und majestätisches Tier. Und doch wissen wir, dass Jesus erst mal als normales schwaches Kind auf diese Welt kommt. Und dass die Verkündigung Jesu eben nicht wie das Gebrüll eines Löwen war sondern eine einzige Einladung: Kehrt um, denkt anders, Gott wartet auf euch, er will seine Menschen wieder haben, die er verloren hat. Macht euch auf, geht nach Hause, er kommt euch entgegen. Und wenn man in Offb 5 ein paar Verse weiter liest, merkt man: dieser Löwe ist das Lamm, das geschlachtet ist. Es ist würdig die Siegel zu lösen. Und eben indem der starke Löwe zu diesem Lamm auf der Schlachtbank wurde, am Kreuz von Golgatha, am Punkt der größten Schwachheit bekam es von Gott seine Würde und in der Auferweckung seine Stärke. Lamm und Löwe.
Der englische Schriftsteller C.S Lewis hat die Heilsgeschichte in seinen Narniabüchern ja nacherzählt und das sind sicher mit die besten Kinderbücher und ja auch Filme, die sie ihren Kindern und Enkeln schenken können. Dort wird beschrieben, wie sich der starke Löwe Aslan auf den Altar legt um sich schlachten zu lassen, damit seine geliebten Menschenkinder aus der schlimmen Herrschaft der Winterkönigin befreit zu werden. Und als der auferstandene Löwe Aslan dann das Land zu neuem Leben und ewigem Frühling belebt, gehört zu den für mich stärksten und schönsten Szenen wie dann auch die Siegel der Lebensgeschichten der einzelnen Menschen gelöst werden. Denn auch unser eigenes Leben kommt uns ja hier und da wie ein Buch mit 7 Siegeln vor. Und am 1. Advent dürfen wir nicht nur mit der Vorfreude auf Weihnachten anfangen sondern auch mit der Vorfreude auf den Anfang vom Ende der Königin des Winters.




















































