Predigt zu Markus 9, 14-29 von Catharina Bluhm
16.10.2011, 06:12Predigt mit Mk 9, 14- 29
Liebe Gemeinde,
einfach himmlisch hier auf dem Berg. Am besten bauen wir uns Hütten, sagen die Freunde. Petrus und Jakobus und Johannes wollen auf dem Berg Tabor bleiben.
Für immer. An dem Ort, wo sie Jesus so gesehen haben, wie er wirklich ist: Gottes Sohn. Einer über den Gott sagt: Das ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören. Wollen sie. Am liebsten für immer.
Nix, sagt Jesus. Zurück in den Alltag. Also steigen sie wieder runter vom Berg. Und Jesus sieht wieder aus wie sonst. Ein Wanderprediger mit Zimmermannshänden. Und auch sonst ist wieder alles wie sonst. Streit mit den Schriftgelehrten. Leute die Hilfe brauchen. Jünger, die nicht weiter wissen.
Ich lese aus Mk. 9 Vers 14 bis 27
Eben noch auf dem heiligen Berg. Und dann: Hämische Schriftgelehrte, ein verzweifelter Vater, hilflose Jünger, ein krankes Kind.
Ein böser Geist fährt in den Jungen, sagt der Vater, und seine Beschreibung der Krankheit klingt wie eine Mischung aus Autismus und Epilepsie.
Die Jünger sollen seinen Sohn heilen- aber das können sie nicht.
Ne, is klar, sagen die Schriftgelehrten. Wie der Rabbi, so die Schüler. Alles Hochstapler.
Jetzt ist Jesus zurück. Und pfeift erstmal die Jünger an. Was ist mit eurem Glauben los? Langsam solltet ihr doch auch mal alleine klarkommen. So und jetzt kümmere ich mich um den Jungen. Bringt ihn her.
Machen die Jünger. Der Junge kommt zu Jesus. Und krampft plötzlich, als ob ein böser Geist in ihn fährt. Die Anfälle bedrohen sein Leben, er ist schon ins Feuer gefallen, wäre beinahe ertrunken. Der Vater sagt: Jesus, wenn du wirklich was kannst, dann tu was.
Jesus tut was. Aber nicht das, was alle erwarten. Jesus macht nicht das Kind gesund. Er kümmert sich um den Vater. So als ob er merkt, dass nicht nur das Kind leidet. Sondern der Vater auch. Der leidet seit Jahren mit. Der leidet unter seinen Mitmenschen. Die meinen, dass ein so krankes Kind Gottes Strafe ist. Der Vater ist vielleicht schon von Arzt zu Arzt gelaufen, von Wunderheiler zu Wunderheiler. Und dabei hat er nicht nur eine Menge Zeit und Geld verloren. Sondern auch jede Menge Hoffnung. Und Glauben.
Jesus antwortet dem Vater: Alle Dinge sind dem möglich, der glaubt. Im Glauben öffnen Menschen sich für Gottes Kraft. Im Glauben kommt die himmlische Wirklichkeit ins Leben von Menschen. Die Wirklichkeit, die die Jünger auf dem Berg gesehen haben.
Der Vater schreit los: Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Der Vater hofft auf Gottes Kraft. Der will endlich mal himmlische Wirklichkeit sehen. Aber nach allem, was er erlebt hat, spürt er vor allem eins: Unglauben. In seiner Hilflosigkeit wendet er sich an Jesus. Und der zeigt ihm und allen anderen, dass er helfen kann.
Jesus schickt den bösen Geist in die Wüste. Das Kind bleibt leblos zurück. Jesus nimmt seine Hand und richtet den Jungen auf. Und der Junge ist gesund.
Später werden die Jünger Jesus fragen: Warum konnten wir das nicht? Und Jesus wird ihnen sagen: Beten hätte geholfen. Beim Beten hättet Ihr Euch für Gottes Kraft geöffnet. Beten hätte die himmlische Wirklichkeit in Euer Leben geholt. Beim Beten wäre es wieder wie auf dem Berg gewesen. Und dann hättet Ihr etwas für den Jungen und seinen Vater tun können.
Vielleicht werden Petrus, Johannes und Jakobus dann an das denken, was sie auf dem Berg erlebt haben. Und vielleicht werden sie sich fragen, wie sie das bloß zusammenkriegen sollen. Die Herrlichkeit und böse Geister. Den Sohn Gottes und den Zimmermann / Wanderprediger. Glauben und Unglauben. Und vielleicht denken sie: wir hätten doch auf dem Berg bleiben sollen.
Liebe Gemeinde, Markus erzählt vom kranken Jungen, seinem verzweifelten Vater und den unfähigen Jüngern. Markus erzählt davon, wie Jesus auf dem Berg in seiner ganzen Herrlichkeit zu sehen ist. Und er erzählt davon, was beides miteinander zu tun hat. Markus erzählt, wie mit Jesus Gottes Wirklichkeit in die Wirklichkeit der Menschen kommt. Wir hören heute seine Geschichte. Und wenn wir genauer hinsehen, dann merken wir, dass diese Geschichte viel mit uns selbst und unserer Wirklichkeit zu tun hat.
Die Geschichte erzählt von dem Jungen. Davon, wie die Anfälle sein Leben bestimmen. Wie die Krankheit seine Wirklichkeit bestimmt. Unheimlich. Bedrohlich. Kein Wunder, dass Markus von einem bösen Geist spricht.
Die meisten von uns leiden nicht an Epilepsie oder Autismus. Aber wir haben schon erlebt, wie das ist, wenn wir nicht selbst bestimmen können. Vielleicht wegen einer Krankheit. Die unseren Terminkalender mit Arztbesuchen füllt. Die es unmöglich macht, Zukunft zu planen. Bei der wir unsere Grenzen ständig spüren. Und auf einmal Patienten sind. Kranke.
Wir haben schon erlebt, wie das ist, nicht selbst bestimmen zu können. Vielleicht, weil uns Dinge passieren, auf die wir keinen Einfluss haben. Eine Beziehung geht zu Ende. Wir verlieren unseren Arbeitsplatz. Wir erleben Ungerechtigkeit und Willkür. Und können nichts tun. Müssen uns abfinden. Sind auf einmal Verlassene. Arbeitslose. Opfer.
Wir haben vielleicht schon erlebt, wie das ist, nicht selbst bestimmen zu können. Nicht mehr unser eigenes Leben zu leben. Hilflos. Ausgeliefert. Ausgesetzt. Vielleicht auch gefährlich.
Unsere Geschichte sagt: Den Hilflosen, Ausgelieferten, Ausgesetzten kann Jesus helfen. Jesus sieht Menschen nicht als Patienten, Arbeitslose, Opfer. Jesus sieht Menschen an. Als die, die sie sind. Und gibt ihnen ihr Leben zurück. Jesus richtet Menschen auf. Jesus nimmt Menschen an die Hand. Und lässt nicht los. Menschen machen an seiner Hand neue Schritte. Jesus verändert die Wirklichkeit von Menschen. Heute auch noch. Davon können manche von uns ihre eigene Geschichte erzählen.
Die Geschichte aus dem Markusevangelium erzählt vom Vater. Wie er in seinem Elend die himmlische Wirklichkeit sucht. Wie er sich nach Glauben sehnt. Und wie sein Glaube in´ s Wanken geraten ist. Vielleicht haben wir keine Sorgen um kranke Kinder. Aber wir haben schon erlebt, wie unser Glaube in´ s Wanken kommt. Eigentlich denken wir, dass guten Menschen Gutes passiert. Und bösen Menschen Böses. Und eigentlich erleben wir immer wieder, dass das gar nicht so ist. Dass gute Menschen krank werden. Dass Katastrophen Leute treffen, die das nicht verdient haben. Dass Menschen alles verlieren, ohne eigene Schuld. Was sollen wir dann glauben? Dass sie doch irgendwie schuld sind? Oder dass Gott nicht gut ist? Dass er das Böse in der Welt zulässt? Manchmal gerät uns der Glaube mit diesen Fragen ins Wanken.
Wird vielleicht Unglaube. Und bleibt Sehnsucht. Nach der Wirklichkeit Gottes. Dass sie doch in unserer Welt zu sehen sein soll. Nach Hilfe. Dass einer doch das Elend abwenden kann. Nach Gottes Liebe. Dass sie doch zu spüren sein soll.
Unsere Geschichte sagt: Der Glaube, der Unglaube, die großen Fragen und die Sehnsucht können wir Jesus bringen. Und zwar ehrlich. So wie der Vater das macht. Wenn du kannst, sagt der. Und schreit: Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Seitdem der Vater das geschrieen hat, haben viele Menschen so gebetet. Und haben jenseits der Schuldfrage, jenseits der Frage nach Gottes Gerechtigkeit das gefunden, wonach sie sich gesehnt haben: Hilfe für ihren Glauben. Gottes Wirklichkeit. Seine Liebe. Heute auch noch. Davon können manche von uns ihre eigene Geschichte erzählen.
Die Geschichte aus dem Markusevangelium erzählt von den Jüngern. Die die himmlische Wirklichkeit vom Berg Tabor am liebsten festhalten würden. Und sich stattdessen mit hämischen Schriftgelehrten und ihrer eigenen Unfähigkeit rumschlagen müssen. Vielleicht haben wir das auch schon erlebt. Vielleicht sind wir schon mit Jesus auf dem Berg gewesen. Haben ihn erlebt. Was von der himmlischen Wirklichkeit gemerkt. Vielleicht war das so schön, dass wir auch am liebsten da geblieben wären. Auf Jugendfreizeit. Im Haus der Stille. Im Urlaub. Für immer. Vielleicht hätten wir am liebsten Hütten gebaut.
Geht natürlich nicht. Genau wie die Jünger damals müssen wir zurück. Und da wartet dann oft das Gleiche wie vorher auf uns. Vielleicht keine ärgerlichen Schriftgelehrten. Aber eine feindliche Umgebung. Vielleicht keine Kranken. Aber jede Menge Menschen, die was von uns brauchen. Vielleicht keine bösen Geister. Aber manchmal das Gefühl, das um uns rum Böses passiert. Vielleicht keine vergeblichen Heilungsversuche. Aber Überforderung. Dass wir an unseren Aufgaben scheitern. Dass unsere Kraft nicht ausreicht. Dass wir Erwartungen nicht gerecht werden können. Und schon haben wir das Gefühl, der Berg ist echt weit weg. Gottes Wirklichkeit hat mit unserem Leben echt wenig zu tun. Wir brauchen eigentlich gar nicht versuchen, das zu tun, was Jesus von uns will. Klappt sowieso nicht.
In unserer Geschichte rastet Jesus aus. Er hat keine Geduld mit den Jüngern. Er weiß genau, dass die seine Arbeit tun sollen, wenn er nicht mehr bei ihnen ist. Dass die in seinem Namen helfen und heilen sollen. Dass die seine Liebe in dieser Welt spürbar machen sollen. Und das geht nur, wenn sie an seiner Wirklichkeit festhalten. Wenn sie in seiner Kraft bleiben. Später wird er ihnen sagen: Beten hätte geholfen.
Hören wir heute: Beten hilft. Uns für Gottes Wirklichkeit öffnen. Damit wir die sein können, als die er uns gedacht hat. Damit wir das tun können, wozu wir da sind. Beten hilft. Heute auch noch. Davon können manchen von uns ihre eigene Geschichte erzählen.
Vielleicht würden wir ja lieber auf heiligen Bergen Hütten bauen. Ganz nah bei Jesus. Eine Hütte bauen. Lieber als mit Hilflosigkeit zu leben. Lieber als mit unserem Unglauben zu kämpfen. Lieber als unsere Unfähigkeit zu erleben.
Geht aber nicht.
Manchmal werden wir solche Bergerlebnisse haben. Dann werden wir zurück in den Alltag gehen. Und da werden wir nicht alleine sein. Weil Jesus nicht nur auf dem Berg ist. Sondern auch im Alltag. Weil er uns da heil und gesund macht. Weil er da unseren Glauben stärkt. Weil er uns da gebrauchen kann. Weil er uns da gebraucht. Da gibt er uns die Hand. Da richtet er uns auf. Da ist seine Wirklichkeit. Mitten in unserer Wirklichkeit.
Und genau da bewahre der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft unsere Herzen und Sinne und unseren Glauben in Christus Jesus unserem Herrn. Amen




















































