Predigt zu 1. Timotheus 1, 12-17 von Catharina Bluhm
20.06.2010, 10:00Liebe Gemeinde,
erzähl mal von früher, als Du noch nicht alt warst. Haben meine Neffen gesagt. Ich hab gefragt: Was soll ich denn von früher erzählen?
Als deine Mama mit dir geschimpft hat. Als du mal böse warst. Als du mal was Schlimmes gemacht hast.
Scheinbar waren meine dunklen Seiten am spannendsten. Ich hab erzählt. Und die Jungs haben sich gefreut, dass ich frech war und Klingelmännchen gemacht hab und in Mathe so oft eine 5 hatte.
Paulus erzählt von früher. Und das, was er von früher erzählen kann, ist wesentlich dramatischer, als frech sein und Klingelmännchen machen. Paulus schreibt an Timotheus. Den jungen Mann, den er seinen rechten Sohn im Glauben nennt. Timotheus hat so viele Fragen. Er will alles richtig machen. Er will ein Vorbild sein. Er will, dass seine Gemeinde mit ihm zufrieden ist. Er will, dass sie einen guten Eindruck haben. Und nicht seine dunklen Seiten sehen.
Paulus schreibt Timotheus von früher. Davon, dass er, der Apostel, Gottes Barmherzigkeit nötig hatte und hat. Wegen seiner dunklen Seiten. Paulus schreibt davon, dass jeder Barmherzigkeit nötig hat, egal ob er Klingelmännchen macht oder Christen verfolgt.
Ich lese aus Timotheus 1 Vers 12 bis 17
Timotheus liest Paulus Brief. Sicher ist er froh, Post von seinem väterlichen Freund zu kriegen. Kann Paulus ihm guten Rat geben? Kann er. Einen ganz anderen, als Timotheus erwartet. Paulus sagt: Verlass dich auf Gottes Barmherzigkeit. Jesus ist nicht in die Welt gekommen, weil wir alles richtig machen. Jesus ist in die Welt gekommen, weil wir ohne ihn verloren sind. Weil er uns suchen und finden will. Weil er uns fähig machen will, seine gute Nachricht weiterzusagen. Das hat er für mich getan. Und das wird er für dich tun. Paulus guter Rat: Gottes Barmherzigkeit suchen.
Wir lesen Paulus Brief. Zu einer anderen Zeit als Timotheus. In einer anderen Situation als Timotheus. Aber genau wie Timotheus lesen wir ihn als Menschen, die nach Perfektion suchen. Als Menschen, die ihre dunklen Seiten ungern ansehen. Als Menschen, die Vorbilder sein wollen. Kann Paulus uns guten Rat geben? Kann er. Einen ganz anderen, als wir vielleicht erwarten. Paulus sagt: Verlasst Euch auf Gottes Barmherzigkeit.
1. Barmherzigkeit und das Ende der Perfektion
Paulus erzählt von früher. Als er noch Saulus war. Und den Wunsch hatte, perfekt zu sein. Als frommer Jude und gelehrter Theologe hält Saulus die Gesetze. Er hält es auch für seine Pflicht, die Gotteslästerer, die sich Christen nennen, zu verfolgen. Dann begegnet Saulus Jesus. Hört die Frage: Warum verfolgst du mich? Saulus fällt geblendet vom Pferd. Und wird von Christen in Damaskus gepflegt.
Als Saulus Jesus vor Damaskus begegnet, fängt sein neues Leben an. Mit der Erkenntnis: Ich bin angewiesen. Ich bin nicht unabhängig, unfehlbar, untadelig, unbesiegbar, unerschütterlich. Mit Barmherzigkeit fängt Saulus neues Leben als Paulus an. Mit der Barmherzigkeit Gottes. Mit der Barmherzigkeit von Christen. Aus dem Verfolger wird ein Verkündiger. Kein perfekter strahlender Starprediger. Sondern einer, der unter Krankheit leidet. Dem Streitigkeiten zusetzen. Der im Gefängnis landet. Statt Perfektion predigt Paulus die Gerechtigkeit allein aus Glauben. Jesus hat weggenommen, was Menschen von Gott trennt. Das, was kein Mensch kann, hat Jesus getan. Alles, was Menschen tun können, ist daran zu glauben und das Geschenk anzunehmen.
Wie ist das mit unserem Drang nach Perfektion? Wahrscheinlich versuchen wir nicht die jüdischen Gebote perfekt einzuhalten. Oder für perfekte Glaubensreinheit zu sorgen. Vielleicht versuchen wir eher eine perfekte christliche Familie zu sein. Vielleicht auch einfach perfekte Hausfrauen. Perfekte Söhne und Töchter. Perfekte Väter. Egal, auf welchem Gebiet sich unser Drang nach Perfektion austobt: Wir merken, es geht nicht. Je krampfhafter wir uns um Perfektion bemühen, desto mehr merken wir: Wir sind nicht perfekt. Unser Versagen, unsere Fehler, unser Angewiesensein, unsere Schwächen gehören zu uns. Gehören in dieses Leben. Vor Gott ist keiner von uns perfekt. Nicht die Klingelmännchenmacher und nicht die Christenverfolger.
Das ist eine schmerzhafte und eine befreiende Erkenntnis: Gott sucht gar nicht unsere Perfektion. Er sucht unsere Nähe. Darum ist Jesus gekommen. Damit er uns unperfekte Menschen nach Hause bringt zu Gott, der uns kennt und liebt. Gott ist barmherzig. Unsere Schuld ist ihm nicht egal. Er vergibt sie uns. Und schenkt uns Neuanfänge. Vielleicht kriegen wir keinen neuen Namen- so wie Paulus. Aber wir kriegen ein neues Leben. In dem wir immer noch nicht perfekt sind. Aber gehalten und getragen und geliebt. Mit ganz eigenen Aufgaben. Für die Gott uns das gibt, was wir brauchen.
Paulus Rat: Schluss mit Perfektion. Anfangen mit Barmherzigkeit.
2. Barmherzigkeit und der Blick auf dunkle Seiten
Paulus macht kein Geheimnis aus seinen dunklen Seiten.
Seinem Zorn z.B.. So wütend, wie Paulus die Christen verfolgt hat, kann er in manchen Briefen werden. Ihr törichten Galater, schreibt er, als die Galater glauben dass sie durch das richtige Verhalten gerettet werden können.
Paulus ist auch ein stolzer Mensch. So stolz, wie er früher auf seine Herkunft und seine Frömmigkeit war, so stolz ist er jetzt auf sein Amt als Apostel. Ich könnte mich rühmen, schreibt er. Und zählt Tugenden auf wie Unabhängigkeit, Treue und Opferbereitschaft.
Paulus macht kein Geheimnis aus seinen dunklen Seiten. Sondern lässt Licht dran. Das Licht der Liebe Jesu. Und das verändert was. Paulus wird nicht um seiner selbst willen zornig. Sondern um des Evangeliums willen. Weil das nicht verändert und verwässert werden darf. Sondern in aller Klarheit gepredigt und geglaubt werden will. Paulus ist auch nicht stolz auf seine Tugenden. Könnte er. Ist er nicht. Er ist stolz auf das Kreuz. Weil sein Herr Jesus da alles besiegt hat, was die Menschen von Gott trennt.
Wie ist das mit unseren dunklen Seiten? Vielleicht werden wir auch leicht zornig. Vielleicht übertreiben wir´ s gerne. Vielleicht haben wir eine große Klappe. Vielleicht wollen wir uns nicht festlegen. Vielleicht möchten wir Recht behalten. Was immer unsere dunklen Seiten sind: Wir lassen sie gerne im Dunkeln. Dann kann sie keiner sehen. Und wir können sie vergessen. Bis sie uns das nächste Mal erschrecken und einholen. Uns kalt erwischen.
Das ist eine schmerzhafte und befreiende Erkenntnis: Die dunklen Seiten sind da. Jesus ist in die Welt gekommen, weil wir dunkle Seiten haben. Jesus hat das besiegt, was uns von Gott trennt. Wir können sein Licht auf unsere dunklen Seiten scheinen lassen. Dann verlieren sie ihre Macht. Unsere dunklen Seiten machen uns nicht aus. Dass wir begnadigte Sünder sind, das macht uns aus. Und als solche dürfen wir aufrecht und ehrlich vor Gott leben und ihm mit allem dienen, was wir sind.
Paulus Rat: Dunkle Seiten ansehen. Licht dran lassen. Und weiter leben. Aus Barmherzigkeit.
3. Barmherzigkeit und im Hintergrund Vorbild sein
Zu Paulus Zeit gibt es jede Menge Vorbilder. Da zeigen Leute, wie erlöst sie sind, wie geistbegabt, wie heilig. Sie übertrumpfen sich in tiefgehenden religiösen Erfahrungen und wetteifern im Leiden und Fasten. Gemeinden, wie die in Korinth verlieren bei soviel tollen Vorbildern manchmal Jesus total aus dem Blick. Und rümpfen nur noch die Nase über einen Paulus.
Vielleicht wäre Paulus ja manchmal gerne ein strahlendes Vorbild gewesen. Einer wie die spirituellen Stars in Korinth. Vielleicht hätte er es in seinen Gemeinden dann ein bisschen leichter gehabt. Aber Paulus will, dass Jesus im Vordergrund steht. Ihm geht es um Jesus. Nicht um sich selbst. Und wenn Paulus überhaupt ein Vorbild sein kann, dann deshalb, weil man an seiner Person so gut sehen kann, warum Jesus in die Welt gekommen ist: Weil wir ihn brauchen. Weil wir auf Barmherzigkeit angewiesen sind.
Wie ist das mit uns? Womit wären wir gerne Vorbilder? Mit Frömmigkeit? Mit geistigem Tiefgang? Mit guten Taten? Alles wichtig. Aber hilft das anderen, zu Jesus zu finden?
Das ist eine schmerzhafte und eine befreiende Erkenntnis: Es geht nicht darum, wie gut wir sind. Wie fest wir glauben. Wie tatkräftig wir sind. Es geht darum, wie gut Jesus ist. Davon sollen wir reden. Von der Barmherzigkeit. Die wir alle nötig haben. Die wir erfahren haben. Mit der uns Jesus beschenkt. Uns ist Erbarmung widerfahren, haben wir gesungen. Das steht im Vordergrund. Da stellen wir uns hinter. Das sollen wir bezeugen. Dafür steht unser Herr.
Paulus Rat: Im Hintergrund Vorbild sein. Jesus in den Vordergrund stellen. Seine Barmherzigkeit.
Brief an einen jungen Mann. Brief an uns. Mit dem Rat: Sich auf Barmherzigkeit zu verlassen. Weil wir die nötig haben. Egal ob wir Klingelmännchen machen oder Christen verfolgen.
Ich wünsche uns Mut, Gottes Barmherzigkeit zu trauen. Weil wir sie nötig haben. Weil er sie uns gibt. Weil wir durch seine Barmherzigkeit die sein können, die wir wirklich sind. Und Gott den Vater in alle Ewigkeit loben können.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn