Predigt zu Johannes 1, 35-51 von Hans-Georg Ahl
11.07.2010, 11:19Predigt Jo 1, 35ff – Komm und sieh!
35 Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; 36 und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! 37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. 38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo ist deine Herberge? 39 Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. 40 Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. 41 Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte. 42 Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels. 43 Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa gehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! 44 Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und Petrus. 45 Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth. 46 Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh es! 47 Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. 48 Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich. 49 Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel! 50 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres als das sehen. 51 Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.
Liebe Gemeinde,
wie funktioniert das eigentlich, dass jemand Christ wird? Jedenfalls nicht so, das kann ich nach über 25 Jahren als Pastor dieser Gemeinde sicher sagen, dass man sein Kind taufen lässt und es 12 oder 13 Jahre später zum Unterricht anmeldet und am Ende ist ein Christ herausgekommen. Ein Christ ist jemand, und das machen diese ersten Jüngerberufungen deutlich, der hinter Jesus herläuft, mit ihm zusammen lebt, mit ihm spricht, auf ihn hört.
Und wir sind heute morgen bei der Frage, wie man Jesus eigentlich kennen lernt. Und unser Predigttext will uns genau dabei helfen, herauszukriegen, wie das funktioniert. In unserem Text finden wir 5 Elemente, die beim Kennen lernen Jesu damals und heute eine Rolle spielen.
- Jemand gibt uns einen Tipp
Zugegeben: die beiden jungen Männer im Gefolge Johannes des Täufers sind auf der Suche. Sie haben sich Johannes dem Täufer angeschlossen, einem heftigen Bußprediger, der die Menschen zur Umkehr aufruft.
Es gibt so Zeiten, dass die Menschen merken, dass es so nicht weitergeht…und ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, wo das auch wieder so ist, dass ihr ernsthaft wisst, dass das Leben mehr ist, als schlafen, essen, Schule und hier und da mal ein bisschen Spaß…
Ich glaube, dass Gott uns Menschen eben genau so geschaffen hat, dass unsere Seele erquickt wird, wie es in Ps 23 heißt, eines von den wenigen Stücken, die bei uns die Konfirmanden noch auswendig lernen müssen.
Hier ist es also Johannes der Täufer, der den beiden den Tipp mit Jesus gibt. Die Formulierung „Siehe, das ist Gottes Lamm“ hört sich für uns ein bisschen komisch an, aber für die Menschen damals wussten sofort: das ist der, der Alles, was zwischen Gott und uns steht, alle Schuld, allen Mist auf seine Kappe nimmt.
Ich weiß nicht, wer euch den Tipp gegeben hat oder gibt, aber ich weiß, dass die Mehrzahl der Menschen, die heute morgen hier versammelt sind, jemanden nennen könnten. Jemanden, der sie eingeladen hat, jemanden, der etwas von seinem Glauben weitergegeben hat, der auf Jesus hingewiesen hat. Mir fallen einige Menschen ein. Es gibt sehr viele Möglichkeiten,
- Jesus lädt ein: Kommt und seht!
Und als die beiden jungen Leute dann dem Tipp Folge leisten und Jesus begegnen, kommt es zu einer interessanten Begegnung. Als erstes steht da, dass sie ihm nachfolgen. Er dreht sich um und fragt sie was sie wollen. Fast scheint es so, dass es Jesus komisch ist, dass sie ihm nachfolgen. Aber sie stellen eine Gegenfrage: wo wohnst du? Und dann sagt Jesus: kommt und seht! Mit anderen Worten: er merkt, dass sie mit ihm zusammen sein wollen und er lädt sie dazu ein. Es wird kein Wort darüber verloren, was sie bei Jesus zuhause gemacht haben. Ich nehme nicht an, dass sie Skat gespielt haben…
Was heißt das für uns, speziell für uns als Gemeinde? Jesus wohnt in unserer Gemeinden, wir sprechen diese Einladung aus: kommt und seht. Wir wissen auch, dass in unserer Wohnung nicht alles perfekt ist, dass es die eine oder andere Muttecke und Rumpelkammer gibt. Liebe Gemeinde, zeigt den Menschen in unserem Stadtteil die Wohnung Jesu, nehmt sie mit ins Wohnzimmer und vor allem ins Esszimmer, öffnet ihnen euer Leben! Übrigens sind eben weil es um Gemeinschaft geht, die Freizeiten sind übrigens mit das Beste, in das wir Menschen einladen können.
- Jemand führt uns zu Jesus
Die Zeit, die die beiden nun selbst mit Jesus verbracht haben, hat sie so von ihm überzeugt, dass sie das natürlichste auf der Welt tun: sie erzählen anderen von Jesus. Jedenfalls Andreas. Er erzählt es seinem Bruder Simon und der lässt sich auch sofort zu Jesus führen.
Wenn das so einfach ginge, denkt man unwillkürlich. Manchmal geht es so, übrigens auch unter Geschwistern. Es gibt in unserer Gemeinde Beispiele dafür. Aber es funktioniert eben nur dann, wenn Gott die offene Tür und den richtigen Zeitpunkt dafür schenkt. Und dann finde ich sehr wichtig, dass es zu einer tiefen und persönlichen Begegnung zwischen Jesus und Simon kommt, wo schon deutlich wird, was aus diesem Simon einmal wird: ein Fels, ein Grundstein der ersten Gemeinde. Die alten Hasen in unseren Gemeinden wissen natürlich, was da noch alles zwischen liegt, bis Simon zu dem Petrus wird, den Jesus hier schon in ihm sieht. Aber ich finde an dieser Begegnung auch noch wichtig, dass wir die Menschen nicht nur nach ihrer äußeren Erscheinung beurteilen. Und dazu gehört natürlich auch Kleidung und Bildung.
- Vorurteile sind überwindbar
Für Philippus habe ich keinen Extrapunkt gemacht, weil dies Begegnung so schlicht ist. Sie ist auch nur der Vorläufer für Nathanael, mit dem wir uns jetzt etwas ausführlicher beschäftigen. Also Philippus wird, wie einige andere Jünger auch, kurz und schmerzlos von Jesus aufgefordert ihm zu folgen, und er tut es. Wunderbar! Aber sein Freund Nathanael ist von einem anderen Kaliber: Was soll von Nazareth gutes kommen? Das ist seine schlichte Gegenfrage? Wenn man schon vom Messias spricht, dann weiß doch jedes Kind – auf jeden Fall Kindergottesdienst- und Sonntagschulkinder - das der Messias ein Nachkomme Davids sein wird und einzig und allein in Betlehem geboren werden kann und niemals in einem Provinznest namens Nazareth.
Ich will jetzt nicht die lange Latte von Gründen auflisten, warum unser Kopf sagen könnte, dass es Jesus nun mal bestimmt nicht ist, der dieser Welt das Heil bringt. Der langjährige Spiegelherausgeber Rudolf Augstein hatte es sich ja zur Lebensaufgabe gemacht bei allen möglichen Gelegenheiten das Sündenregister der Kirche und das Krankmachen des Glaubens in einer Titelgeschichte zu veröffentlichen. Viele gute rationale nachvollziehbare Argumente. Leider hat er, so viel ich weiß, keinen Philippus gehabt, der ihn trotzdem mit zu Jesus genommen hat. Und in dieser Begegnung, wo Jesus den Spieß umdreht und sagt, dass er ihn gesehen und erwählt hat, liegt so viel drin: das dürft ihr Katechumenen nie vergessen: das Jesus ein Auge auf euch geworfen hat!
- Ihr werdet den Himmel offen sehen
Also das kann ich euch natürlich nicht versprechen, aber Jesus verspricht es euch. Wann steht der Himmel offen und was ist damit gemeint?
Nun, diese Formulierung taucht noch einige Male auf, ich nenne 2 Beispiele.
- als Jesus die armseligen paar Brote und Fische in seine Hand nimmt, blickt er auf zum Himmel und sieht den reich gedeckten Tisch seines Vaters
- als der Zöllner Zachäus, in dem alle Menschen nur den Giftzwerg sehen, ihn aufnimmt und er dafür kritisiert wird, sagt Jesus: es wird Freude sein im Himmel über einen Menschen, der Buße tut.
Beide Beispiele haben mit unserem Unterricht zu tun: wir werden den Himmel offen sehen, wenn wir nicht nur auf das wenige schauen, was wir haben und können. Wenn wir den Blick nach oben richten, sehen wir Gottes Reichtum und seine Möglichkeiten. Dabei wollen wir uns gegenseitig helfen. Und auch dabei, im anderen nicht nur den Giftzwerg, den Großkotz, den Sprücheklopfer, die Gewitterziege oder was auch immer zu sehen.