Predigt zu Römer 9,1-8+14-16 von Hans-Georg Ahl

08.08.2010, 07:48

Predigt Rö 9, 1-8 +14-16

1 Was ich jetzt sage, sage ich in der Gegenwart Christi. Mein Gewissen bezeugt mir, und der Heilige Geist bestätigt mir, dass es die Wahrheit ist und dass ich nicht übertreibe: 3  Der Gedanke an die Angehörigen meines Volkes, an meine Brüder, mit denen mich die gemeinsame Herkunft verbindet, erfüllt mein Herz mit tiefer Traurigkeit. Ihretwegen bin ich in ständiger innerer Not; ich wäre sogar bereit, für sie ein Verfluchter zu sein, ausgestoßen aus der Gemeinschaft mit Christus. 4  Sie sind ja Israeliten; ihnen hat Gott die Sohneswürde geschenkt. Ihnen hat er sich in seiner Herrlichkeit gezeigt, mit ihnen hat er seine Bündnisse geschlossen, ihnen hat er das Gesetz und die Ordnungen des Gottesdienstes gegeben, ihnen gelten seine Zusagen. 5  Sie sind Nachkommen der Stammväter, die Gott erwählt hat, und aus ihrer Mitte ist seiner irdischen Herkunft nach der Messias hervorgegangen, Christus, der Herr über alles, der für immer und ewig zu preisende Gott. Amen 6  Es ist nun nicht etwa so, dass Gottes Zusagen hinfällig geworden wären. Aber es gehören eben nicht alle Israeliten zum ´wahren` Israel.   Nicht alle, die von Abraham abstammen, sind deshalb schon seine ´wahren` Kinder. Vielmehr ´war zu Abraham gesagt worden`: »Als deine Nachkommen sollen die gelten, die von ´deinem Sohn` Isaak abstammen.« 8  Mit anderen Worten: Nicht die leibliche Abstammung macht Menschen zu Kindern Gottes; zur wahren Nachkommenschaft Abrahams werden nur die gerechnet, die aufgrund der Zusage, die Gott ihm gegeben hatte, von ihm abstammen 14  Welchen Schluss sollen wir nun daraus ziehen? Ist Gott etwa ungerecht? Niemals! 15  Er sagt ja zu Mose:»Wenn ich jemand mein Erbarmen schenke, tue ich es, weil ich Erbarmen mit ihm habe; wenn ich jemand mein Mitleid erfahren lasse, geschieht es, weil ich Mitleid mit ihm habe.«16  Es liegt also nicht am Menschen mit seinem Wollen und Bemühen, sondern an Gott und seinem Erbarmen

 

Liebe Gemeinde,

wenn wir über das Thema „Israel“ sprechen, schleppen wir eben nicht nur Auschwitz und den Holocaust mit uns, sondern auch eine schreckliche Vorgeschichte des Judenhasses, die sogar bei unserem verehrten Reformator Luther zu finden ist, und die sich auch immer wieder auf den Apostel Paulus beruft. Und deshalb haben wir das nun mal erstes zu hören und ernst zu nehmen, dass er in einer tiefen Traurigkeit und Solidarität mit seinem Volk verbunden ist. Und da können wir im Blick auf unsere Gleichgültigkeit unserem eigenen Volk gegenüber- und da meine ich jetzt nicht die Fußball WM sondern den geistlichen Zustand in unserem Land – doch eine Menge von Paulus lernen. Ich habe heute Morgen 3 Punkte

  1. Der fremde Gott

Gerade in seinem erwählenden Handeln ist Gott uns fremd. Das ist doch ungerecht, dass Gott sich ein Volk aussucht und erwählt. Als wir seinerzeit im Bibelabend über diese harte Formulierung in Rö 9 sprachen, die gar nicht zu unserem Predigttext gehört. „Jakob habe ich geliebt, Esau habe ich gehasst“ haben wir einige Zeit darüber diskutiert, dass es doch nicht sein kann, dass Gott jemanden hasst.  Wir haben dann genauer hingeschaut und entdeckt, dass es ein Zitat aus dem Buch Maleachi war und dass das hebräische Wort eben keinen emotionalen Hass meint, sondern  es eben um eine Entscheidung geht.  Und gerade, wenn man die biblische Geschichte mit Jakob und Esau kennt und liest weiß man, dass Gott schon da seine Vorliebe für das oder den, was in den Augen von uns Menschen eben nicht liebenswert ist,  zeigt.  Und  an der Stelle zeigt es sich eben, dass wir uns nicht einen Gott nach unserem Bild machen, wie es der Philosoph Feuerbach den Christen vorgeworfen hat, der nett und lieb und harmlos ist, der zahnlose Opa, der doch nur lieb sein kann. Hier ist es erst mal ein fremder Gott, den wir nicht verstehen. Den wir, wenn wir ehrlich sind auch hier und da in seinem Handeln nicht verstehen, bzw. seinem „Nicht-Handeln“, wenn wir z.B. sehr dafür beten, dass ein Mensch, den wir gerne haben, wieder gesund wird. Und wir sollten uns dann auch diese Fremdheit ehrlich eingestehen. Gott ist kein Gott des frommen Augenaufschlags sondern der  ehrlichen Auseinandersetzung, der sich auch die Frage nach dem warum und des wie lange noch gefallen lässt, lesen sie mal die Psalmen… Allerdings sollten diese Fragen dann immer wieder in die eine münden, die Paulus noch als Saulus vor Damaskus gestellt hat: wer bist du Herr? Und diese Frage lässt uns nie wieder los, denn wir leben in einer lebendigen Beziehung zu ihm. Und wir werden auch hoffentlich nie weiter als Paulus kommen, der auf seine verzweifelte Bitte in einer gesundheitlichen Notlage die Antwort bekommt: Lass dir an meiner Gnade genügen.

  1. Der nahe Gott

Und das ist genau der Übergang zu diesem 2. Punkt. Denn man hat den Eindruck, dass sich Paulus und Jesus nie so nahe gewesen sind wie an dieser Stelle. Und weil das die Stelle ist, wo aus Saulus Paulus wurde und eben auch aus dem großen Heidenapostel der selber auf überhaupt nichts anderes als Gnade und Erbarmen angewiesene Mensch. Und weil diese Gnade das Fundament seines eigenen Lebens mit Gott ist, weiß er, dass Gott diese Gnade auch seinem eigenen Volk zu seiner Zeit wieder schenken wird. Und das müssen wir eben zusammen kriegen: Das fest stehende Erbarmen Gottes, manifestiert am Kreuz von Golgatha und in der Auferstehung Jesu. Die Brücke, die Gott für jeden Menschen in seine Nähe gebaut hat, das Tor, das er geöffnet hat, und das niemand mehr schließen kann. Deshalb betreten wir außerhalb dieser Kirche nicht Niemandsland oder sogar Feindesland. Nein, für jeden Menschen inner- und außerhalb dieser Kirchenmauern ist Jesus gestorben und auferstanden. Und daraus sollten wir folgende drei Konsequenzen ziehen

-          Ohne Angst den Menschen begegnen, der Geist ist ausgegossen!

-          Jesus ist für alle gestorben, aber eben für jeden einzelnen gestorben

-          Wir sind kein „Kleingärtnerverein“ – es geht um „Bekehrung“- Lebenswende

  1. Der zu lobende Gott

Bei diesem 3. Punkt greife ich ein wenig über unseren Text hinaus. Denn der ganze Einschub im Römerbrief, die Kapitel 9-11, die sich mit Israel beschäftigen schließt mit einem großen Lobpreis der Wunderwege Gottes. Wie kommt also derselbe Paulus, der eben noch tief zerknirscht war im Blick auf sein Volk auf einmal zum Loben?  Ich habe darauf drei Antworten gefunden:
- er sieht auf die Verheißungen und den bestehenden Bund Gottes und sieht eben deshalb viel mehr als das, was vor Augen ist. Er hat Durchblick, was eben Perspektive wörtlich übersetzt heißt.
- er sieht die Treue Gottes im Leben der Personen des AT – Jakob und Esau!
- er sieht Gott als Alpha und Omega, durch ihn und auf ihn zu ist alles!

Und so fängt er eben an zu loben. Anfangen zu loben heißt aufhören zu resignieren.  Und wie sie wissen, stammt dieses Wort aus der Militärsprache. Wenn Gott die Signa, die Zeichen , setzt brauchen wir sie nicht zurück zu holen. Im Gegenteil: lasst uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens.


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