Predigt zu 2. Samuel 9 von Catharina Bluhm

18.07.2010, 09:19


Predigt mit 2. Samuel 9

 

Liebe Gemeinde,

Bild Wüstenstadt

LoDabar am Rande der zivilisierten Welt. Ein unbedeutendes Kaff. Sagt schon der Name. LoDabar- Kein Wort. Ohne Worte. Über LoDabar braucht man kein Wort zu verlieren. Es ist sowieso besser, nicht über LoDabar zu reden. Hier am Rande der Zivilisation leben schweigsame Menschen. Solche, die vor der Gerechtigkeit fliehen. Einfach untertauchen. Solche, die von hier aus dunkle Geschäfte betreiben. Schmuggler, Wüstenräuber, Menschenhändler. Gestrandete Existenzen. Die an diesem traurigen Ort irgendwie hängen geblieben sind. In LoDabar herrscht Schweigen. Kein Wort.

Der Lahme passt gut hierhin. Er ist ein Mann ohne viele Worte. Tagsüber. Nachts schläft er unruhig. Schreit im Schlaf. Sein Blick ist gehetzt. Er versteckt sich in seinem Zimmer. Nur manchmal sitzt er vor dem Haus. Sieht zur Straße, über die der Wüstenwind Dornengestrüpp weht. Als ob er darauf wartet, dass jemand kommt. Der Fremde ist höflich. Spricht gewählt. Wer weiß, wo er herkommt. Wer weiß, was er erlebt hat. Wer weiß, worauf er wartet, der lahme Mefi- Boschet.

 

In LoDabar verliert niemand viele Worte. Mefi- Boschet liest die Fragen in den Augen der Anderen. Manchmal stellt er sie sich selber. Wo kommt er her? Was hat er erlebt? Worauf wartet er?

Er ist als Prinz geboren. Am israelischen Königshof. Weit vorne in der Thronfolge. Sein Vater Jonathan sollte nach seinem Großvater Saul König werden. Irgendwann wäre Mefi- Boschet selber vielleicht König geworden. Aber dann kam die Schlacht in den Bergen von Gilboa. Jonathan und Saul starben.

Und David wurde König. Der, den Saul verfolgt und bekämpft hatte. Der, den Jonathan geliebt hatte. Sein bester Freund. Der Liebling von ganz Israel. Ein schöner Mann. Begabt. Kampferprobt. Musiker. Frauenheld.

Das Volk trauerte um Saul und Jonathan. Aber stärker als die Trauer war der Jubel: David ist König. Niemand sollte seine Herrschaft anfechten. Seine Anhänger spürten alle Verwandten Sauls auf und löschten die ganze Familie aus. Alle bis auf Mefi- Boschet. Damals war er fünf Jahre alt. Eine Kinderfrau rettete sein Leben. Aber was für ein Leben. Auf der Flucht fiel er so unglücklich, dass seine Füße gelähmt wurden. Und er blieb auf der Flucht.

Bis er nach LoDabar kam. Jetzt hat er keine Kraft mehr zu fliehen. LoDabar ist seine Endstation. Hier bleibt er. Bis ihn irgendwann Davids Leute erwischen. Er ist sich sicher, dass sie nicht aufhören werden, nach ihm zu suchen.

 

Dann ist es soweit. Ein Bote des Königs kommt nach LoDabar. Bringt mich zu Mefi- Boschet, dem Lahmen in Machirs Haus, befiehlt er. Und teilt Mefi- Boschet mit: Der König ruft dich! Mefi- Boschet versucht nicht zu fliehen. Wie weit würde er wohl kommen, mit seinen lahmen Füßen? Fast ist er froh, dass das Warten ein Ende hat. Er wundert sich allerdings, dass der Bote die Angelegenheit nicht gleich erledigt. Ob er jetzt in LoDabar stirbt oder in Jerusalem ist doch völlig egal. Dann steht Mefi- Boschet vor König David. Verbeugt sich vor dem besten Freund seines Vaters. Und wartet auf den Tod.

 

Ich lese aus 2. Samuel 9 Vers 7- 9

 

Wahrscheinlich starrt Mefi- Boschet den König an. Und braucht länger, um zu verstehen, was der sagt. Dann sickert die Botschaft langsam in seinen Verstand: Hier geht es nicht um seinen Tod. Sondern um das Leben. Kein Leben am Rande der Zivilisation mehr. Kein Leben mehr ohne Worte. Sondern ein Leben am Tisch. Am Tisch des Königs.

Es wird noch dauern, bis Mefi- Boschet das glauben kann. Dass er wirklich nie wieder nach LoDabar zurückehren muss. Weil er nicht an den Ort ohne Worte gehört. Sondern an den Tisch des Königs. Mefi- Boschet ist wieder ein Königskind.

 

Liebe Gemeinde,

eine alte Geschichte. Von Königen und Kriegen. Von Schuld und Vergeltung. Von Angst und Resignation. Von einem Ort ohne Worte. Einem Ort an dem das Schweigen herrscht. LoDabar ist ein unbedeutendes Kaff am Rande der Zivilisation.

Und LoDabar ist überall.

LoDabar ist in Wohnungen, in denen außer dem Fernseher nichts mehr zu hören ist. Weil es nichts zu sagen gibt. Keine Worte, die die Fremdheit überwinden. Keine Worte, die die Kränkungen aus der Welt schaffen.

LoDabar ist an Krankenbetten. Da wo allen die Worte fehlen. Weil es nichts zu sagen gibt. Nichts Tröstliches, nichts Hoffnungsvolles, das weiterhilft.

LoDabar ist in stillen Zimmern. In denen Menschen allein sind. In denen es nie jemand zum Reden gibt.

LoDabar ist an Arbeitsplätzen, an denen keiner den Mund aufmacht. Weil es gefährlich sein könnte, was zu sagen. Weil jedes falsche Wort den Sprecher überflüssig macht.

LoDabar ist im Supermarkt, wo einer die letzten Cents im Portemonnaie zusammen kratzt. Die nicht reichen werden, um eine Familie satt zu machen. Was sollen dann Worte, wen soll man dann um Hilfe fragen.

 

LoDabar ist an vielen Orten, in vielen Momenten. Immer dann, wenn es keine Worte gibt. Keine Zukunft. Keine Hoffnung. Keine Idee davon, was jetzt noch kommen könnte. Höchstens, dass es ja immer noch schlimmer kommen könnte.

Wie landen wir Menschen in LoDabar?

Manchmal schickt uns unsere Schuld nach LoDabar. Wenn wir uns schämen über das, was wir gesagt oder getan haben. Wenn wir nichts wieder gut machen können.

Manchmal schickt uns ein bestimmtes Bild von uns selbst nach LoDabar. Wenn wir uns als Verlierer sehen. Nutzlos. Opfer. Nicht zu gebrauchen.

Manchmal schickt uns die Einsamkeit nach LoDabar. Das Gefühl, dass niemand versteht, was wir erleben. Dass wir mit dem, was in uns ist, immer alleine bleiben müssen.

LoDabar ist an vielen Orten, in vielen Momenten. Und keiner ist gerne in LoDabar. Keiner will wirklich da sein, an diesem Ort, an es keine Worte gibt. Keine Zukunft. Keine Hoffnung. Keine Idee davon, was jetzt noch kommen könnte. Höchstens, dass es ja immer noch schlimmer kommen könnte.

 

Kommt man wieder weg aus LoDabar? Keine Autobahn, kein Bus und kein Zug fahren. LoDabar ist Endstation. Wo man nicht mehr erwarten kann, als dass alles so bleibt. Oder noch schlimmer wird, als es schon ist. Alleine kommt man nicht weg aus LoDabar.

 

David schickt einen Boten nach LoDabar. Einen, der redet am Ort des Schweigens. Seine Ankunft wird nicht als Segen empfunden. Seine Ankunft weckt Befürchtungen. Boten in LoDabar werden selten mit offenen Armen empfangen. Wer dem Leben nicht mehr traut, wer nichts Gutes mehr erwartet, der kann nicht neugierig sein. Der kann Veränderungen nicht begrüßen. Trotzdem findet Davids Bote den Weg nach LoDabar.

Trotzdem finden Boten den Weg in unser LoDabar. Sie sind nicht unbedingt als Boten erkennbar. Manchmal sehen sie aus wie unsere Nachbarin. Einer aus der Gemeinde. Die Sprechstundenhilfe beim Arzt. Das Küchenteam im Montagskaffee. Manche Boten sind Worte aus der Bibel. Andere Klänge, die unser Herz berühren. Sonne, Wind und Blumen können Boten in LoDabar sein. Und alle haben sie eins gemeinsam. Sie erzählen vom König.

Bild Wüstenstadt/Tisch

Vom König der am Tisch sitzt und wartet. Weil ihm etwas fehlt. Weil ihm jemand fehlt. David fehlt jemand aus der Familie Jonathan. Weil er Jonathan so geliebt hat. Ein Platz ist leer. Ein Königskind ist nicht da, wo es hingehört. Denn das sitzt in LoDabar.

Auch auf alle anderen in LoDabar wartet ein König. Weil ihm etwas fehlt. Weil ihm jemand fehlt. Ein Platz ist leer. Ein Königskind ist nicht da, wo es hingehört. Der König schickt Boten aus, die es zu ihm bringen sollen. Der König schickt sogar seinen eigenen Sohn los. Damit der das Königskind nach Hause bringt. Denn: Ein Königskind gehört doch an den Tisch des Königs. Damit Leib und Seele endlich wieder satt werden. Damit der Durst endlich wieder gestillt wird. Damit es endlich kein Schweigen mehr gibt, sondern Tischgespräche.

Über Gott und die Welt. Mit Worten, die heil machen, was schmerzt.

Nein, wir Königskinder gehören nicht nach LoDabar. Wir Königskinder gehören an den Tisch des Königs.

 

Wie kommen wir an den Tisch? Es ist gut, wenn wir auf die Boten hören.

Die uns von der Sehnsucht des Königs, von Gottes Sehnsucht nach uns Menschen erzählen. Es ist gut, wenn wir auf die Boten hören, die vom Schöpfer reden, der uns gemacht hat. Und uns nicht aus seinen Händen lassen will.

Es ist gut, wenn wir auf Jesus, den Boten des Königs, hören. Der zum Vater im Himmel einlädt. Der alles getan hat, um uns an seinen Tisch zu bringen. Der alles weggenommen hat, was uns hindern könnte, am Tisch des Königs zu sitzen. Der sein Leben gegeben hat, damit keiner in LoDabar sitzen bleiben muss.

Es ist gut, auf die Boten zu hören. Und sich dann auf den Weg zum Tisch zu machen.

Tisch

Vielleicht landen wir immer wieder in LoDabar. Aber wir können uns jeden Tag neu auf den Weg an den Tisch des Königs machen. Wenn wir die Bibel lesen. Wenn wir schweigen und hören. Wenn wir Tischgespräche mit dem König führen. Und merken, dass wir bei ihm zuhause sind.

Denn wir gehören nicht nach LoDabar. An den Rand der zivilisierten Welt. Wir gehören an den Tisch des Königs. Heute und immer.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen

 

Heute sind wir eingeladen- egal, wo wir jetzt gerade sind. In LoDabar oder sonst wo. Heute ist Zeit mit dem König zu reden. Ihm zu sagen, wo wir sind. Was uns von seinem Tisch fernhält. Ihm unseren Hunger und Durst zu sagen. Und uns wieder an seinen Tisch zu setzen. Damit Hunger und durst gestillt werden. Damit unsere Herzen heil werden. Zeit für ein Gespräch mit dem König.

 

 

 

 

 

 

 


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